credendo vides

Die kleinen Parlamente

Kurt Tucholsky, “Zwischen Gestern und Morgen“
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Zur Geschäftsordnung

Zwanzig intelligente Deutsche: das kann, wenn man sie einzeln vor sich hat, eine herrliche Sache sein.
Die sind nicht so sprunghaft gescheit, wie es wohl viele andere Rassen sind, in ihren Köpfen herrscht Ordnung, die Schubfächer sind aufgeräumt, und es ist eine helle Freude, sich mit ihnen zu unterhalten. Wenn aber dieselben intelligenten zwanzig Leute zu einer Sitzung zusammenkommen, dann geschieht etwas ganz Furchtbares.

Hat man einmal beobachtet, dass zwanzig Leute, wenn sie vom Teufel der Kollektivität besessen sind, nicht mehr zwanzig Leute sind? Dass sie zu einem neuen, unfassbar schrecklichen Ding werden, das viele Köpfe, aber kein Gehirn hat, (das ungestalt, schwerfällig, träge, sich und den anderen das Leben schwer macht.
Da müssen Sie hineingetreten sein – das müssen Sie gesehen haben.

Die zwanzig Mann setzen sich also in einem mittelgroßem Raum zusammen und werden nun, denkt der Unbefangene, ihre Sache durch gemeinschaftliche Aussprache fördern und weitertreiben. Wie? Aber gar nicht. Aber ganz im Gegenteil. Diese zwanzig Leute haben ein kleines Parlament, und das ist der Anfang vom Ende.
Sie sind behext. Sie sind gar nicht mehr sie selbst. Sie sind verwandelt. Was vorher, noch eben, in einer kleinen klugen Privatunterhaltung, klar und fäßlich erschien, das wird nun auf unerklärliche Weise verwirrt, wolkig, kompliziert und von einer unauflöslichen Verkettung.

Hier ist ein Wunder, glaubt nur! Der Vorsitzende erhebt sich, ein braver und guter Mann, sein Bauch liegt an einer Uhrkette; aber kaum hat er drei Sätze gesprochen, so erhebt sich eine dünne Fistel: „Zur Geschäftsordnung, zur Geschäftsordnung! “ – Nein, die Fistel bekommt das Wort nicht. Aber dann wird sie eine Abstimmung darüber herbeiführen, ob nach 17 Absatz 5 der Satzungen der Vorsitzende in der Lage sein dürfte – he? Über diese zu veranstaltende Abstimmung erhebt sich eine Debatte. Schlußantrag zur Debatte. Dringlichkeitsantrag vor dem Schlussantrag. Gegenantrag. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann debattieren sie heute noch.

Und die Sache? Und die Sache, um derentwillen man doch immerhin, entschuldigen Sie, zusammengekommen ist? Aber pfeif doch auf die Sache! Aber wer denkt denn jetzt hier an die Sache! Hier geht’s um wichtigere Dinge. Hier geht es darum, ob die Vorkommission, die damals von den Vertretern der Ausschusskommission gewählt worden war, auch wirklich legitimiert ist, der Vollversammlung diejenigen Vorschläge zu machen, die … „Mir auch ein Bier! Der Herr Vorredner…

Meine Lieben, ihr lacht. Lacht nicht. Man muss das gesehen haben, wie Kaufleute und Manager und Schriftsteller und Kegelbrüder aller Arten – wie alle hierzulande in eigentümlichen, fast psychopathischen Zustand verfallen, wenn sie vom Parlarmentsteufel besessen sind. Es muss da etwas ganz Eigenartiges in den Gehirnen vorgehen: der Stolz, nun einmal endlich nicht als Privatperson, sondern gewissermaßen als öffentliche Person zu sprechen, die kleine, rührende und unendlich gefährliche Freude, den schlichten Bürger auszuziehen und als Cicero, Mann des Staates und Bevollmächtigter dazustehen: das ist es wohl, was so viel positive Arbeit in einem lächerlichen Wust von Kleinkram
untergehen läßt
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„Herr Kollege Karschunke hat das Wort!“ – „Ich habe vorher zur Geschäftsordnung sprechen wollen! “ – “ Herr Kollege Karschunke… “ -„Satzungsbruch! Unmöglich! Ja! Nein!“ (Beifall rechts. Links Zischen. Zuruf aus der Mitte: „Falsche Fuffziger!“ Glocke des Präsidenten) Nun hat die Sache neben der komischen Seite eine verdammt ernste.
Der gesamte Betrieb ist tief unehrlich und verlogen. Man sagt: „Zur Geschäftsordnung!“ und meint: „Herr Pannentann ist ein Schweinehund! “ Man sagt: „Der letzte Satz der Resolution enthält unseres Erachtens einen schweren Fehler“ und meint: „Dem wollen wir mal eins auswischen! “ Nirgends wird so viel persönliche Feindschaft unter so viel scheinbar sachlichen Argumenten versteckt wie in den kleinen Parlamenten.

Diese scheinbar unbeirrbare Sachlichkeit, dieses ganze Drum und Dran, dieser eherne Apparat von Formeln und Formalitäten ist unwahr. Vor vielen Jahren erlebte ich einmal in einer solchen Versammlung, wie mitten in dem feierlichen Getriebe wegen der schlechten Luft im Lokal eine Resolution eingebracht wurde, die ein Rauchverbot enthielt. Die Resolution sollte gerade angenommen werden, da stand ein kleiner, hagerer Mann auf, bat um das Wort zur Geschäftsordnung und sagte mit Stimme Nummer drei:
„Meine sehr verehrten Herren! Ich möchte doch dafür plädieren, dass denjenigen Herren, die eine Tabakspfeife rauchen, wenigstens erlaubt wird, dieselbe zu Ende zu rauchen! “Er hatte nämlich eine in der Hand. “ Zur Geschäftsordnung! Und wenn dieser ominöse Ruf ertönt, dann muss ich immer an den Kleinen mit der Tabakspfeife denken. Ich sehe sie hinter vielen Anträgen brennen.

Aber da sind nicht nur die Fälle offener und versteckter Obstruktion oder persönlicher Interessenvertretung. Wie umständlich ist das alles! Wie humpelt so eine Verhandlung dahin! Wie zuckt jeder, der ein bisschen Blut in den Adern hat, auf seinem Stuhl, wenn er sieht, wie zwanzig ernsthafte ältere, mit Kindern gesegnete Familienväter und zwanzig nicht minder würdevolle Junggesellen in zwei Stunden um einen riesigen Tisch herum nichts als leeres Stroh dreschen! Muss das sein?

Aber sie platzen lieber, als dass sie ihrs nicht aufsagen. Sie müssen das alles sagen – auch wenn sie genau fühlen, daß es die Sache um keinen Zoll weiterbringt. Sie fühlen‘s nicht. Der Drang, sich reden zu hören, die Sucht, unter allen Umständen nun auch noch einen Klacks Senf zu dem Gericht dazuzugeben, treibt sie, aufzustehen, den Männerarm in die Höhe zu recken und mit gewichtiger Stimme zu rufen: ‚Ich bitte ums Wort.‘ Meine Herren – Liebe Ehefrauen! Wenn ihr wüßtet, welchen Kohl eure Männer in den Versammlungen zu bauen pflegen, dass ihr denkt: ‚Ich will ihn lieber doch nicht anreden, es scheint etwas Wichtiges zu sein‘ – wenn ihr wüßtet, mit welchen Nichtigkeiten und Kleinigkeiten da die Zeit vertrödelt wird: ihr würdet noch viel böser darüber sein, dass euer Anton abends nicht zu Hause bleibt. Anton! Wo ist Anton? Generalvollversammlung, Abstimmung, Vorredner, Diskussion, Schluss der Debatte, namentliche Abstimmung, zur Geschäftsordnung, zur Geschäftsordnung! Und das geht so siebenmal in der Woche in tausend deutschen Dienstlokalitäten, damit wird die Zeit verbracht, damit beschäftigen sich erwachsene Männer und Frauen.

Ist das Parlamentarismus? Oder- seine Karrikatur? Muss das so sein? Ach, es sind nicht nur die kleinen Parlamente. Auch in den großen … Aber das ist ein weites Feld.“

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